Mit diesem Titel möchte ich in keinster Weise unterstellen, dass Thilo Sarrazin in irgendeiner Weise positiv oder angenehm volksnah sei. Die Art, wie er seine Meinung vorträgt, aber auch der
entsprechende Inhalt, bewegen sich volksnah auf Stammtischniveau.
Thilo Sarrazin hat sich dieses Mal Türken und Araber als Opfer seiner Kampagnen ausgesucht. Vor allem die Migranten in Berlin, denen er mangelnden Willen zur Integration unterstellt (sein
gesamtes Hirngespinst ist in der heutigen Bild-Zeitung nachzulesen). Ich werde nachfolgend einige Passagen zitieren und dazu meine Sicht der Dinge darstellen.
"Die Osteuropäer, Ukrainer, Weißrussen, Polen, Russen weisen tendenziell dasselbe Ergebnis auf (im Absatz vorher hat er dargestellt, dass die Vietnamesen in der ersten Generation Sprachprobleme
hätten, Zigaretten verkaufen würden oder einen Kiosk haben, in der zweiten Generation aber höhere Abiturientenquoten als die Deutschen hätten; Anmerkung vom Verfasser). Sie sind
integrationswillig, passen sich schnell an und haben überdurchschnittliche akademische Erfolge. Die Deutschrussen haben große Probleme in der ersten, teilweise auch der zweiten Generation, danach
läuft es wie am Schnürchen, weil sie noch eine altdeutsche Arbeitsauffassung haben. Sobald die Sprachhindernisse weg sind, haben sie höhere Abiturienten- und Studentenanteile usw. als
andere."
Sarrazin behauptet, dass diese Thesen alle empirisch belegbar seien. Ich bin selbst in einem sozialen Brennpunkt großgeworden und kenne viele Menschen in anderen Städten, die zumindest einen
Blick auf die sogenannten sozialen Brennpunkte haben und nicht einem Rassenhass verfallen sind. Die Behauptungen die Sarrazin in dem zitierten Absatz zum Besten gibt, halte ich vor diesem
Hintergrund für kühn. Es mag sein, dass eine bessere Integration, als bei Arabern oder Türken vorliegt, es liegt aber sicherlich keine gute Integration vor. Ausnahmen bestätigen diese Regel. Das
Problem an mangelnder Integration ist aber oftmals nicht der einwandernde Mensch, sondern bspw. die Tatsache, dass diese oftmals in sozialen Brennpunkten landen, in denen die dort lebenden
Menschen, schlussendlich Verlierer der Gesellschaft sind und auch so behandelt werden. Das trifft dann aber nicht nur Migranten einer gewissen Schicht, sondern auch Deutsche. Des
Weiteren unterstellt Sarrazin mit dem vorherigen Absatz, dass es sehr einfach sei, in Deutschland die Sprache zu lernen und Abitur zu machen. Wenn schon das Stichwort Empirie fällt: Es
wird nämlich jährlich in zig Studien deutlich, dass wir ein Bildungssystem haben, dass Kinder, die aus einkommensschwachen Familien kommen, weniger bzw. keine Chancen auf eine gute
Bildung haben. Schulen, in denen gelehrt wird, wie Hartz IV Anträge auszufüllen sind, fördern nicht und weisen die Kinder auf ihre perspektivlose Zukunft hin.
"Meine Vorstellung wäre: generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer. In den USA müssen Einwanderer arbeiten, weil sie
kein Geld bekommen und werden deshalb viel besser integriert. Man hat Studien zu arabischen Ausländergrupen aus demselben Clan gemacht; ein Teil geht nach Schweden mit unserem Sozialsystem, ein
anderer Teil geht nach Chicago. Diesselbe Sippe ist nach zwanzig Jahren in Schweden immer noch arbeitslo, in Chicago hingegen integriert."
Genau, wenn Migranten an den Bahnhöfen Deutschlands ankommen und an das Ende der Rampe kommen, die Bahnsteig und Lager verbindet, wird erstmal selektiert. Amen! Im Ernst: Auf welcher rechtlichen
Basis soll dies geschehen? Sarrazin weiß Antwort (schließt direkt am letzten Zitat an): "Der Druck des Arbeitsmarktes, der Zwang des Broterwerbs sorgen dafür. Das sind Dinge, die man nur durch
Bundesrecht ändern kann."
Zum einen haben die USA einen speziellen "Way of Life", der tradiert ist und dafür sorgt, dass es selbst in einkommensschwachen Schichten Protest gegen die Gesundheitsreform gibt. Die USA
ist ein Einwandererland, in dem der Pioniergeist auch heute noch en vogue ist und der Einzelne sich als alleiniger Verantwortlicher seines Schicksals sieht. Dieser "Spirit" lebt und ein Migrant,
der dort sein Glück sucht, sucht genau diesen "Way of life". Er identifiziert sich damit, identifiziert sich aber auch mit der Nation. Besser integriert im klassischen Sinne sind die
Einwanderer dort aber auch nicht. Es gibt in Miami (bspw.) ganze Viertel, die nur von Latinos bevölkert sind (was erstmal natürlich okay ist), die unter dem Existenzminimum rumkrebsen. Höher
gebildet, als unsere "Türken und Araber", sind diese aber mit Sicherheit nicht. Migration findet oft dann statt, wenn es Menschen in ihrem Herkunftsland nicht gut geht bzw. sie sich im neuen Land
mehr Chancen auf ein besseres Leben erhoffen. Ergo findet Migration häufig von Menschen statt, die hinsichtlich ihrer Bildung nicht besonders gut gestellt sind. Hier in Deutschland werden zudem
viele Ausbildungen aus dem Ausland, zumeist aus typischen Ländern, aus denen Migration stattfindet, überhaupt nicht anerkannt. Was bietet unser Arbeitsmarkt Menschen, die keine (anerkannte)
Ausbildung haben? Niedriglohnjobs oder Arbeitslosigkeit. Wirkliche nachhaltige Förderung ist weit und breit nicht in Sicht. In Deutschland wird viel gefordert, gerade hinsichtlich
(Berufs-)Bildung. Die Strukturen, die diese Möglichkeiten eröffnen könnten, sind aber nicht hinreichend existent.
"Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert. Jemanden, der nichts tut, muss ich auch nicht anerkenne. Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehn, für
die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Koptuchmädchen produziert."
Es ist richtig: Integration muss auch durch Migranten erbracht werden, aber auch vom Staat, den er hier völlig ausklammert. Ich kann als Staat nicht ghettoähnlichen Strukturen
überlassen und mich dann wundern, dass die Integration nicht von selbst läuft. In einer misslichen Lage im Ausland, wird man sich zumeist an die Menschen aus dem eigenen Kulturkreis halten.
Das ist logisch. Des Weiteren frage ich mich, wie Sarrazin mit dieser Haltung gegenüber Migranten aus dem türkischen Raum, deren Akzeptanz gegenüber dem Staat gewinnen möchte. Nochmal: Der Staat
muss fördernde Strukturen zur Verfügung stellen, die die Integration leicht machen. Ganztagsschulen sind da durchaus ein richtiger Weg. Natürlich haben auch Eltern Verantwortung gegenüber ihren
Kindern bspw. hinsichtlich einer Ausbildung, allerdings können dies einige Eltern nicht leisten, so dass dies der Staat dies abfedern muss. Man könnte ja auch mal die Frage stellen, wieso
bestimmte Menschen ihre Kinder nicht fördern können. Es wird aber nicht hinterfragt, sondern nur angeklagt.
"Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem 15%
höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung."
Also der umgekehrte Hitler? Juden heim ins Reich? Wie auch immer: Die Behauptungen finde ich mal wieder reichlich kühn. Zum einen sind sie faschistisch, weil mit einer vermeintlichen Tatsache
versucht wird zu verdeutlichen, dass osteuropäische Juden besser oder werter für die deutsche Gesellschaft sind, als Türken oder Araber. Zum anderen verwechselt er hier IQ mit Bildung. Ein Mensch
kann auch nur dann gefördert werden, wenn es entsprechend fördernde Strukturen gibt. Deshalb ist er aber nicht dumm.
"Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtengeburten und die füllen Klassen und Schulen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen:
weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht. Ich erinnere an ein Dossier der Zeit dazu. Es berichtet von den zwanzig Tonnen Hammelresten der türkischen Grillfeste, die die
Stadtreinigung jeden Montagmorgen aus dem Tiergarten beseitigt - das ist keine Satire."
Sarrazin ist aber Satire-Pur resp. eine Karikatur seiner Selbst. Ich erinnere an die tausenden von Volksfesten jährlich, die Tonnen von Müll hinterlassen und der Polizei viel Arbeit
machen.
Ich möchte nicht leugnen, dass Integration ein großes Problem in Deutschland ist und dieses Problem auch hausgemacht ist. Extreme Daumenschrauben oder Selektion sind allerdings untauglich,
daran etwas zu ändern. Sarrazin offenbart zudem, dass er generell ein Problem mit der Unterschicht hat. Schlussendlich stellt er diese als degeneriert und entsprechend ungebildet dar.
Letzteres mag zu einem Teil stimmen, dafür ist aber auch unser Schulsystem mitverantwortlich. Die alleinerziehende Mutter allerdings, kann auch einen soliden Schul- und Berufsabschluss gemacht
haben, braucht aber aufgrund einer Teilzeitstelle, zumal Arbeitgeber Alleinerziehende nicht gerade hochschätzen, aufstockendes Hartz IV und bewegt sich somit natürlich monetär in der
Unterschicht.
Prominente Unterstützung hat er sicher und zwar von Arnulf Baring, Ralph Giordano und Henryk M. Broder. Das untermauert, was ein unsachlicher Hetzer Sarrazin wirklich ist. Ich bin auch dafür
kontrovers und deutlich bestimmte Themen anzusprechen. Er sattelt das Pferd nur völlig falsch auf...
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